Einleitung: Kolonialismus im 21. Jahrhundert – ein unhaltbarer Zustand
Während die Vereinten Nationen von Dekolonisierung und dem Selbstbestimmungsrecht der Völker sprechen, verharren die Exklaven Ceuta und Melilla sowie die marokkanischen Inseln unter spanischer Besatzung – ein koloniales Relikt, das in den meisten Teilen der Welt längst der Vergangenheit angehört. Während Marokko 1956 seine Unabhängigkeit erlangte, sind diese Enklaven in der kolonialen Vergangenheit gefangen und stellen einen Schandfleck auf dem afrikanischen Kontinent sowie ein eklatantes Beispiel für die Doppelmoral der internationalen Politik dar.¹
Die fortgesetzte Präsenz dieser spanischen Enklaven im Herzen marokkanischen Territoriums ist nicht bloß ein historisches Überbleibsel, sondern ein offener Angriff auf die nationale Souveränität, eine Ausbeutung von Ressourcen und eine systematische Erpressung des marokkanischen Staates durch ehemalige Kolonialmächte, die sich weigern, das Recht Marokkos auf seine gesamten Hoheitsgebiete anzuerkennen. Der Zeitpunkt ist gekommen, diese verhasste koloniale Präsenz zu beenden, dem marokkanischen Volk seine Würde zurückzugeben und die lang ersehnte territoriale Einheit zu verwirklichen.
I. Die historischen Wurzeln der spanischen Besatzung: Die Illusion der “Priorität” vor dem historischen Faktum
Die spanische Rechtfertigung für den Fortbestand der Besatzung von Ceuta und Melilla stützt sich auf fragwürdige Argumente, die behaupten, diese Städte seien bereits vor der Entstehung des modernen marokkanischen Staates spanisch gewesen und ihre Eroberung reiche Jahrhunderte zurück.² Diese historische Argumentation hält jedoch einer kritischen Prüfung nicht stand; sie ist vielmehr der Versuch, Invasion und Aggression zu legitimieren.
Ceuta und Melilla waren vielmehr blühende islamische Städte unter der Herrschaft aufeinanderfolgender marokkanischer Dynastien und bildeten einen untrennbaren Bestandteil des marokkanischen Kulturerbes. Im 15. Jahrhundert beherbergte Ceuta über tausend Moscheen, zweiundsechzig Bibliotheken, dreiundvierzig Bildungseinrichtungen und eine Universität – ein Beleg für die tiefe marokkanisch-islamische Verwurzelung dieser Stadt.³ Als Moulay Idris I. im Jahr 788 n. Chr. nach Marokko kam und den ersten islamischen Staat im westlichen Nordafrika gründete, übten alle nachfolgenden marokkanischen Dynastien ihre Souveränität über diese Enklaven und die gesamte marokkanische Mittelmeerküste aus.⁴
Eine fünfjahrhundertjährige spanische Präsenz kann eine über zwölf Jahrhunderte währende marokkanische Geschichte nicht auslöschen. Historische Rechte verjähren nicht – zumal wenn sie auf militärischer Besatzung und gewaltsamer Vertreibung der einheimischen Bevölkerung beruhen. Die spanische Behauptung, Ceuta und Melilla seien spanisch gewesen, bevor Marokko ein souveräner Staat wurde, ist eine bewusste Geschichtsverfälschung und ignoriert die Tatsache, dass diese Städte stets marokkanisch in ihrer Identität und Zugehörigkeit waren und die spanische Präsenz nichts anderes als eine gewaltsame Kolonialinvasion darstellte, die die islamische Zivilisation in der Region untergrub.
II. Die völkerrechtliche Dimension: Dient das Völkerrecht dem Kolonialismus?
Aus rechtlicher Perspektive erscheint die marokkanische Position stark und fundiert, gestützt auf die Prinzipien des Völkerrechts und die Dekolonisierungsbeschlüsse der Vereinten Nationen. In einem Schreiben des marokkanischen Ständigen Vertreters bei den Vereinten Nationen vom 27. Januar 1975 bekräftigte das Königreich, dass Ceuta, Melilla und die dazugehörigen Inseln “das letzte Überbleibsel der kolonialen Besatzung” an der Mittelmeerküste des afrikanischen Kontinents darstellten.⁵ Marokko forderte die Aufnahme dieser Enklaven in die Liste der nicht-selbstregierten Gebiete, um ihre koloniale Existenz zu beenden und die marokkanische Souveränität wiederherzustellen.⁶
Einige Rechtsanalytiker, wie etwa Jaime Trinidad von der Universität Cambridge, behaupten hingegen, die marokkanische Position sei schwach, und berufen sich dabei auf das Prinzip der “Verjährung” und die lange Besatzungsdauer.⁷ Diese Argumentation übersieht jedoch, dass das Völkerrecht die Legitimität einer Besatzung – gleich wie lange sie andauert – nicht anerkennt, insbesondere wenn es sich um Gebiete handelt, die durch militärische Gewalt in Besitz genommen wurden. Der Vergleich mit Gibraltar, das die Spanier von den Briten zurückfordern, offenbart eine eklatante Doppelmoral: Die Spanier fordern Gibraltar mit der Begründung zurück, es liege “in Europa”, während sie dieselbe Logik verweigern, wenn es um ihre eigenen Enklaven in Marokko geht.⁸
Hinzu kommt, dass die Position internationaler und regionaler Organisationen den marokkanischen Standpunkt stützt. Die Afrikanische Union hat Ceuta und Melilla als afrikanische Gebiete unter “fremder Besatzung” eingestuft.⁹ Auch die Arabische Liga und die Bewegung der Blockfreien Staaten haben ihre Unterstützung für den marokkanischen Kampf zur Befreiung dieser Gebiete von der spanischen Besatzung bekundet.¹⁰ Diese regionale und internationale Unterstützung spiegelt einen breiten Konsens wider, dass die spanische Präsenz im Norden Marokkos einen anomalen kolonialen Zustand darstellt, der beendet werden muss.
III. Die besetzten marokkanischen Inseln: Eine weitere Front im Kampf um Souveränität
Die spanische Besatzung beschränkt sich nicht auf Ceuta und Melilla, sondern erstreckt sich auf eine Reihe von Inseln und Felsen entlang der marokkanischen Nordküste: die Islas Chafarinas, die Islas Alhucemas und den Peñón de Vélez de la Gomera.¹¹ Diese Inseln, derzeit unter spanischer Militärkontrolle, sind untrennbarer Bestandteil des marokkanischen Hoheitsgebiets und standen stets unter marokkanischer Souveränität, bevor sie von Spanien gewaltsam entrissen wurden.
Der Fortbestand dieser Besatzung – ungeachtet ihrer geringen Größe und fehlenden ständigen Bevölkerung – hat weitreichende strategische und politische Bedeutung. Sie gewährt Spanien eine militärische Präsenz in einer sensiblen Region und bekräftigt den fortgesetzten spanischen Kolonialansatz gegenüber Marokko. Zudem verschärft die spanische Kontrolle dieser Inseln die maritime Grenzproblematik und erzeugt anhaltende Spannungen in der Region.¹²
Die Forderung nach Rückgabe dieser Inseln ist nicht bloß symbolischer Natur, sondern ein legitimes souveränes Recht, eine Korrektur historischen Unrechts und eine Vollendung des territorialen Einigungsprozesses, der mit der Rückgewinnung Tanger 1956, der Region Tarfaya 1958, Ifni 1969 und der südlichen Provinzen 1975 begann.¹³
IV. Spanische Erpressung und die Instrumentalisierung der Migration
Eine der gefährlichsten Manifestationen der fortdauernden spanischen Besatzung ist die Instrumentalisierung dieser Enklaven als Werkzeug politischer und wirtschaftlicher Erpressung gegen Marokko. Wiederholt hat Spanien das Thema der irregulären Migration als Druckmittel eingesetzt – sei es durch die Erleichterung von Migrationsströmen nach Ceuta und Melilla oder durch die Schließung von Grenzübergängen, was erhebliche wirtschaftliche Verluste für Marokko verursacht.¹⁴
Im Mai 2021 erlebte Ceuta einen beispiellosen Ansturm Tausender Migranten – ein Vorfall, den die Medien als “Botschaft” Marokkos an Spanien interpretierten, als Reaktion auf die Aufnahme des von Algerien unterstützten Polisario-Führers durch Spanien.¹⁵ Obwohl Marokko jede offizielle Verwicklung dementierte, offenbarte der Vorfall die Fragilität der Situation und die spanische Abhängigkeit von Marokko in Migrationsfragen.
Besonders bedenklich ist der spanische Versuch, diesen Enklaven eine “europäische” Identität zu verleihen, indem sie als südliche Grenze der Europäischen Union dargestellt werden – mit der Implikation, dass jeder Eingriff in ihren Status einen Angriff auf Europa als Ganzes darstelle.¹⁶ Diese mediale und politische Inszenierung zielt darauf ab, die Dekolonisierungsfrage in eine europäische Sicherheitsfrage umzudeuten und Unterstützung der EU für die spanische Position zu gewinnen. Die EU hat den Bau der Stacheldrahtzäune um Ceuta und Melilla finanziert und sich damit faktisch an der Aufrechterhaltung der spanischen Besatzung gegen den Willen des marokkanischen Staates beteiligt.¹⁷
Diese systemische Erpressung belegt, dass Spanien nicht bereit ist, Marokko als gleichberechtigten Staat zu behandeln, sondern vielmehr als abhängiges Subjekt, das in verschiedenen Politikfeldern erpresst und ausgebeutet werden kann. Diese inakzeptable Situation erfordert eine entschlossene marokkanische Position und die Beendigung jeder Form von Kooperation, die der spanischen Kolonialpräsenz im Norden Marokkos dient.
V. Die Bevölkerung von Ceuta und Melilla: Zwischen Selbstbestimmung und marokkanischer Zugehörigkeit
Verteidiger der spanischen Präsenz in Ceuta und Melilla berufen sich auf den “Willen der Bevölkerung” als Hindernis für eine Statusänderung und behaupten, die überwältigende Mehrheit bevorzuge den Verbleib unter spanischer Souveränität aufgrund der erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede zu Marokko.¹⁸ Diese Argumentation wirft jedoch mehrere grundlegende Probleme auf:
Erstens stellt die Existenz einer mehrheitlich marokkanisch-stämmigen oder muslimischen Bevölkerung in diesen Städten – mit steigendem muslimischem Bevölkerungsanteil – die Frage nach der Repräsentativität dieses “Willens” unter kolonialen Bedingungen, in denen diese Gruppe wirtschaftlichem und sozialem Druck ausgesetzt ist, der sie den Verbleib unter spanischer Souveränität bevorzugen lässt.¹⁹
Zweitens spiegelt die historische Funktion von Ceuta und Melilla als militärische “Festungen”, die als offene Gefängnisse für Verbannte dienten, den Charakter dieser Städte als koloniale Instrumente wider – nicht als normale Städte mit einer Zivilgesellschaft.²⁰ Der Wille der Bevölkerung unter diesen Umständen kann nicht als freier Ausdruck von Selbstbestimmung betrachtet werden, sondern ist das Produkt jahrhundertelanger Marginalisierung und wirtschaftlicher Abhängigkeit.
Drittens ist das Prinzip der Selbstbestimmung nicht auf koloniale Fälle anwendbar, in denen das Gebiet Teil eines souveränen Staates ist – wie im Fall von Ceuta und Melilla –, wo das Prinzip der territorialen Integrität gilt, wie von den Vereinten Nationen in zahlreichen Dekolonisierungsbeschlüssen anerkannt.²¹ Die spanischen Versuche, Ceuta und Melilla als Ausnahmefall ähnlich Gibraltar darzustellen, sind ein Versuch, die Fakten zu verwässern und die Anwendung des Völkerrechts zu umgehen.
VI. Die wirtschaftliche Dimension: Ausbeutung marokkanischer Ressourcen und Handelsvorteile
Die spanische Kontrolle über Ceuta und Melilla hat auch erhebliche wirtschaftliche Implikationen, die über die territoriale Frage hinausgehen. Als zollfreie Häfen genießen diese Enklaven bedeutende Handelsvorteile, die zu Lasten der marokkanischen Wirtschaft gehen.²² Die Häfen von Ceuta und Melilla dienen als Umschlagplätze für Waren, die unter Umgehung marokkanischer Zollvorschriften in das marokkanische Hinterland gelangen – ein anhaltender wirtschaftlicher Aderlass für Marokko.
Zudem beansprucht Spanien ausgedehnte Meeresgebiete um diese Enklaven, was zu Konflikten über Fischereirechte und maritime Ressourcen führt. Die spanische Präsenz ermöglicht die Ausbeutung von Fischgründen vor der marokkanischen Küste, die ohne die koloniale Kontrolle unter marokkanischer Hoheit stünden.²³ Diese wirtschaftliche Ausbeutung ist ein weiterer Aspekt des kolonialen Unrechts, der oft in der Diskussion vernachlässigt wird, aber für die marokkanische Wirtschaft von erheblicher Bedeutung ist.
Die wirtschaftlichen Ungleichgewichte, die von spanischen Apologeten als Argument für den Verbleib unter spanischer Souveränität angeführt werden, sind somit teilweise das Ergebnis dieser kolonialen Ausbeutungsverhältnisse selbst – ein zirkuläres Argument, das die durch die Kolonialherrschaft geschaffenen Ungleichheiten zu deren Rechtfertigung nutzt.
VII. Geopolitische Implikationen: Die instrumentelle Rolle der Enklaven in der europäischen Migrations- und Sicherheitspolitik
Die Enklaven Ceuta und Melilla haben sich zu zentralen Schaltstellen in der europäischen Migrations- und Sicherheitsarchitektur entwickelt. Die Außengrenzen der EU werden hier verteidigt, wobei erhebliche finanzielle Mittel der EU in die Grenzsicherung fließen. Diese sicherheitspolitische Instrumentalisierung dient der Legitimierung des spanischen Besatzungsstatus im europäischen Kontext – eine Strategie, die als “Vergemeinschaftung” der Enklaven bezeichnet werden könnte.²⁴
Diese Entwicklung ist aus zwei Perspektiven problematisch: Erstens wird die Dekolonisierungsfrage in eine Sicherheitsfrage umgedeutet, wodurch der eigentliche Kern des Konflikts – die Souveränitätsfrage – in den Hintergrund tritt. Zweitens wird Marokko in eine Position gebracht, in der Kooperation in Migrationsfragen mit der stillschweigenden Akzeptanz des Status quo verbunden wird – eine subtile Form der Erpressung.²⁵
Marokko hat dieses strategische Dilemma erkannt und in den letzten Jahren zunehmend eigene Akzente gesetzt, indem es Migrationsströme als diplomatisches Instrument einsetzte – ein riskantes Spiel, das jedoch die Verwundbarkeit der spanischen Position offenbart hat. Die Ereignisse von Mai 2021 waren ein deutliches Signal, dass Marokko nicht bereit ist, die bestehende Asymmetrie dauerhaft zu akzeptieren.²⁶
VIII. Der Weg nach vorn: Eine marokkanische Strategie für die Dekolonisierung
Die Dekolonisierung von Ceuta und Melilla erfordert eine mehrdimensionale Strategie, die diplomatische, juristische und wirtschaftliche Hebel kombiniert:
a) Diplomatische Offensive
Marokko muss seine diplomatischen Anstrengungen auf internationaler Ebene verstärken, die Angelegenheit erneut vor die Vereinten Nationen und den Internationalen Gerichtshof bringen und die Aufnahme von Ceuta, Melilla und den dazugehörigen Inseln in die UN-Liste der nicht-selbstregierten Gebiete fordern.²⁷ Die bereits bestehende Unterstützung durch die Afrikanische Union, die Arabische Liga und die Bewegung der Blockfreien Staaten bietet eine solide Grundlage für eine breitere internationale Mobilisierung.
b) Juristische Strategie
Eine juristische Offensive vor internationalen Gerichten könnte die völkerrechtlichen Widersprüche in der spanischen Position offenlegen. Insbesondere der Vergleich mit Gibraltar – einem Fall, in dem Spanien selbst das Prinzip der territorialen Integrität gegenüber dem Selbstbestimmungsrecht betont – bietet eine Grundlage für eine juristische Argumentation, die die spanische Doppelmoral entlarvt.²⁸
c) Wirtschaftliche Hebel
Marokko verfügt über erhebliche wirtschaftliche Hebel, die es nutzen sollte. Die Aussetzung von Kooperationsabkommen, die Einschränkung von Handelsbeziehungen und die Überprüfung von Fischereiabkommen könnten als Druckmittel eingesetzt werden, um Spanien an den Verhandlungstisch zu zwingen.²⁹ Die wirtschaftliche Abhängigkeit Spaniens von marokkanischen Märkten – insbesondere im Agrarsektor – bietet hierfür eine Grundlage.
d) Bedingte Kooperation
Jegliche Form der Zusammenarbeit mit Spanien – insbesondere in den Bereichen Migration, Sicherheit und Wirtschaft – sollte an konkrete Fortschritte in der Dekolonisierungsfrage geknüpft werden. Marokko muss deutlich machen, dass Normalisierung und Kooperation nicht um den Preis der Aufgabe souveräner Rechte erkauft werden können.³⁰
IX. Schlussbetrachtung: Eine historische Verpflichtung
Der Fortbestand der spanischen Besatzung von Ceuta, Melilla und den marokkanischen Inseln ist eine historische Anomalie, die sich nicht mit den Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen und dem Völkerrecht vereinbaren lässt. Die Zeit ist gekommen, dass Marokko eine entschlossene Haltung gegenüber dieser verhassten kolonialen Präsenz einnimmt – von der Phase bloßer Forderungen übergehend zu konsequentem und wirkungsvollem Handeln.
Die Befreiung von Ceuta, Melilla und den Inseln ist nicht bloß ein nationales Ziel, sondern eine historische und moralische Verpflichtung – eine Vollendung des marokkanischen Einigungsprozesses. So wie Marokko seine südlichen Provinzen durch Verhandlungen und friedlichen Kampf zurückgewinnen konnte, wird die Rückgewinnung der besetzten Enklaven eine weitere Station im nationalen Befreiungskampf darstellen – und bekräftigen, dass historische Rechte nicht verjähren, dass Völker nicht vergessen und dass Besatzung, gleich wie lange sie währt, dem Untergang geweiht ist.³¹
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